Genetisch bedingte Neuropathien (Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung)

Bei den Charcot-Marie-Tooth-Erkrankungen (CMT) handelt es sich um seltene, erbliche periphere Neuropathien (Prävalenz 1:2500). In Deutschland sind ca. 30.000 Patienten betroffen. Schwer betroffene CMT Patienten leiden an sensiblen Ausfällen und fortschreitender Muskelschwäche bis hin zur Rollstuhlpflichtigkeit. Bislang stehen keine kausalen Therapieoptionen zur Verfügung. Das liegt vor allem daran, dass die Ursachen der Erkrankung noch weitgehend unklar sind. Außerdem sind die Voraussetzungen für klinische Studien unzureichend, zum Beispiel fehlen sensitive Parameter, die als Mass für die Schwere der Erkrankung dienen. Daher haben wir eine Studie begonnen, um nach sensitiven „Biomarkern" suchen (CMT1A-Studie).

In Göttingen hat sich über die letzten Jahre ein Forschungsschwerpunkt auf dem Feld der CMT Erkrankung entwickelt. Dabei werden in einer Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin die molekularen Krankheitsursachen erforscht und experimentelle Therapieansätze in entsprechenden Tiermodellen entwickelt (Info)

Um sowohl die Diagnostik als auch die Patientenversorgung zu verbessern, sind wir an der Etablierung eines nationalen Netzwerks für hereditäre Neuropathien (Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung), dem CMT-NET, beteiligt. Das CMT-NET wird insbesondere ein Patientenregister umfassen, in dem sich CMT-Patienten registrieren können. Das CMT-NET stellt ein in dieser Erkrankungsgruppe erstmaliges interdisziplinäres Netzwerk aus Patienten und Experten zur molekularen Pathogenese, Epidemiologie, Diagnose und Behandlung der CMT dar. Desweiteren bieten wir die Teilnahme an einer klinischen Studie zur Etablierung von Biomarkern bei der CMT1A-Erkrankung an (Info). Sowohl das CMT-NET Netzwerk als auch die CMT1A-Studie sind wichtige Vorrausetzungen für eine Umsetzung der Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung in die klinische Anwendung bei CMT-Patienten (translationale Forschung).

Ziele des CMT-NET sind

  1. die Etablierung einer Fibroblasten/Schwannzell-Biobank zur Erforschung der Mechanismen der gestörten Axon-Glia-Interaktion und der neuronalen Vulnerabilität bei CMT,
  2. die Identifikation und Validierung neuer Substanzen zur sinnvollen Planung klinischer Studien bei CMT-Patienten,
  3. die Identifikation und Validierung von reliablen Outcome Measures und Biomarkern für klinische Studien bei CMT und
  4. die Etablierung eines nationalen CMT-Patientenregisters.

Klinik der CMT

Die klinischen Symptome der häufigsten CMT Formen sind Lähmungen und Muskelschwund der Fuß- und Beinmuskulatur, die im Kindes- oder im Jugendalter auftreten. Im weiteren Verlauf der Erkrankung kommt es zu Lähmung und Muskelschwund auch der Hand und Unterarmmuskulatur. Die durch die Erkrankung entstehenden Lähmungen führen zu einer ausgeprägten funktionellen Behinderung bis hin zur Rollstuhlpflichtigkeit und haben auf das tägliche Leben einen großen Einfluss. Neben den motorischen Symptomen entwickeln sich auch zunehmende Gefühlstörungen der Füße und Hände.

Einige seltene Unterformen der CMT-Erkrankung sind zusätzlich durch schwere Ulzerationen der Füße, spastische Lähmungen der Beine und Sehstörungen gekennzeichnet (Abb. 1) (Shy et al., 2007; Reilly et al., 2011). Viele Patienten sind nicht arbeitsfähig und in der Folge berentet. Aus der klinischen Erfahrung wissen wir, dass psychische Folgeerkrankungen (wie Verhaltensauffälligkeiten im Kindesalter und Depression im Alter) gehäuft vorkommen.

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Abb. 1: Patienten mit distal betonten Muskelatrophien. Interossäre Atrophie der Mittelhand (A) und pes cavus Deformation (B - D) (Neurogenetikambulanz, Universitätsmedizin Göttingen)

Für die CMT-Erkrankung sind keine kausalen Therapieoptionen bekannt. Supportive Maßnahmen beinhalten Physiotherapie, sowie orthopädietechnische und chirurgische Behandlungen zum Funktionserhalt insbesondere der unteren Extremität. Symptomatisch können Analgetika zur Linderung des neuropathischen und mechanischen Schmerzes eingesetzt werden (Young et al. 2009). Rahabilitationsaufenthalte in spezialisierten Kliniken sind sinnvoll, um den Funktionserhalt zu gewährleisten.

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